Fäkaltransplantation: Hoffnung für Diabetiker & Übergewichtige

Welche Rolle spielen Bakterien im Darm?

Fäkalien hatten bislang kaum eine wissenschaftliche Lobby. Noch immer ist der Magen-Darm-Trakt eines Menschen nicht restlos erforscht. Welche Rolle spielen die Bakterien im Darm nicht nur bei der Verdauung sondern auch in puncto Immunsystem?

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Noch ist die Stuhltransplantation als Therapie-Ansatz bei Diabetes und Adipositas in der klinischen Erprobung. Doch die Wissenschaft hofft, dass die Fäkaltransplantation zur Standardtherapie wird.

 

Spätestens seit Giulia Enders die Social Media Kanäle mit ihrem „Darm mit Charme“ begeisterte, sind die menschlichen Fäkalien salonfähig geworden. Begriffe wie Scheiße, Kot, Kacke bzw. Kacka, Pupu, Aa und dergleichen mehr dürfen neuerdings nicht nur von Kindern ungeniert gebraucht werden. Das Interesse an den Exkrementen sowie den Prozessen im Darm ist generell gewachsen. Mittlerweile weiß man beispielsweise, dass die Stoffwechselendprodukte nicht nur zum Himmel stinken, sondern auch anderen Menschen helfen können – nämlich all jenen Menschen, deren Bakterienzusammensetzung im Verdauungstrakt aus dem Gleichgewicht geraten ist.

 

Darmflora: Von Verdauungshelfern zu Krankmachern

Vermehren sich bestimmte Mikroben zu stark, verursachen die ursprünglichen Verdauungshelferlein schlimme Darmentzündungen, sorgen für Durchfall oder sabotieren gleich den gesamten Stoffwechsel.

Wie bekommt man wieder Harmonie in die Wohngemeinschaft der Darmbewohner? Mit Antibiotika kommen Mediziner nicht weiter. Sie sind vielmehr die Ursache für die Probleme. Was also tun? Probiotischen Joghurt essen? Die Mikroben überleben die Magensäure nicht. In Einzelfällen übertragen Ärzte mittels einer Fäkaltransplantation den Darminhalt von Gesunden einem Kranken und starteten so die Darmflora neu.

 

 

Fäkaltransplanation soll Darmflora neu starten

Ganz risikolos ist die Stuhltransplantation bislang nicht, denn kein Arzt weiß zu 100 Prozent, was er da alles transplantiert. Langfristiges Ziel der Wissenschaftler ist daher, dass die Patienten nur ausgewählte Mikroorganismen erhalten und sich so die Fäkaltransplantation zur Bakteriotherapie wandelt. Die Einsatzgebiete der neuen Therapie sind vielversprechend. Es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass sowohl Typ II-Diabetes als auch Adipositas mit einer gestörten Darmflora einhergehen. Gelänge es, die Bakterienzusammensetzung im Darm zugunsten der Helferlein zu beeinflussen und die Saboteure in die Schranken zu weisen, könnte man Fortschritte in der Heilung der Volkskrankheiten erzielen, so die Hoffnung.

 

Autoimmunerkrankungen in westlicher Welt auf dem Vormarsch. Darmflora-störende Ernährung schuld?

Die Bakterien im menschlichen Darm bringen alle zusammen ein Gewicht von ca. 1,5 kg auf die Waage. Es ist ein Gewimmel und Gewusel aus rund 100 Millionen Mikroben und Keimen. Ca. 65 % der Darmbakterien gehören der Familie der Firmicutes an, ca. 25 % zu den Bacteriodetes. Weitere Mikrobenfamilien, die den Darm besiedeln, sind Actinobacteria, Proteobacteria, Fusobacteria und Verrucomicrobia. Die moderne Ernährung hat Einfluss auf die Darmflora. Die Vielfalt der Mikroben im Vergleich zu den noch sehr ursprünglich lebenden Völkern wie den Yanomamis, den San oder den Hadza nimmt deutlich ab und verarmt. Während die sogenannten Urvölker keine Autoimmunerkrankungne wie Diabetes, Morbus Chrohn oder Rheuma kennen, sind diese Krankheiten in der „zivilisierten Welt“ auf dem Vormarsch. Forscher vermuten, dass die Darmflora auch bei Fettleber, krankhaftem Übergewicht, Reizdarm, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und sogar bei kardiovaskulären und neurologischen Erkrankungen involviert sein könnten. In Mäuseversuchen wurde beispielsweise nachgewiesen, dass die bei Typ2-Diabetes-Patienten typische Insulinresistenz durch die Darmflora von Maus zu Maus übertragen werden kann. Bei Diabetikern scheinen die Bacteroidetes die Oberhand in der Darmflora zu gewinnen, während bei gesunden Menschen die Firmicutes in der Überzahl sind.

 

Retard-Kapsel-Einsatz bei Stuhltransplantation ist langfristiges Ziel

Der Ansatz der Wissenschaftler ist jetzt, dass mittels Fäkaltransplantation die gesunde Darmflora weitergegeben wird. Der Patient erhält zuvor eine Darmspülung. Danach wird der gründlich untersuchte Stuhl des Spenders in Kochsalzlösung aufbereitet, filtriert und eine Suspension gewonnen. Diese erhält der Empfänger im Moment noch als Nasopharyngeal- oder auch Duodenalsonde. Für viele Patienten ist diese Therapie sicherlich auch eine Frage der Überwindung. Der Traum der Wissenschaftler ist es allerdings, dass der Empfänger lediglich eine oder mehrere Retard-Kapseln schlucken muss, die sich dann vor Ort im Darm auflösen und so das gesunde Gleichgewicht zwischen den Bakterienstämmen wiederhergestellt wird.

 

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